Robinson Crusoe, 1719 von Daniel Defoe erschienen, gilt als einer der ersten Romane der englischen Literatur im modernen Sinne. Robinson Crusoe, Kaufmannssohn und Seemann, strandet nach einem Schiffbruch auf einer einsamen Insel vor der Küste Südamerikas und lebt dort fast achtundzwanzig Jahre. Er baut sich eine Existenz auf — Haus, Acker, Ziegenfarm —, begegnet nach Jahrzehnten dem Mann Freitag und kehrt schließlich nach England zurück. Defoe schreibt als Chronist, nicht als Dramatiker: Der Roman hat kein hohes Pathos, sondern die Prosa des praktischen Verstandes.
Crusoes Überleben ist ein Projekt der Vernunft und der protestantischen Arbeitsmoral — er nimmt das Vorhandene und formt es nach seinem Willen. Was Defoe dabei beschreibt, ist nicht nur individueller Durchsetzungswille, sondern eine Ideologie: die der europäischen Expansion, die fremde Räume als terra nullius behandelt und als Objekte der Kultivierung betrachtet. Freitag, der indigene Mann, den Crusoe aus dem Kannibalen-Gefangenschaft rettet, wird umgehend christianisiert und in den Dienst gestellt, ohne dass sein vorheriges Leben je als bedenkenswert gilt.
Jean-Jacques Rousseau sah in Robinson Crusoe das ideale Erziehungsbuch; Marx sah in ihm das Ur-Modell des homo oeconomicus. Beide haben recht, und beide zeigen damit, wie viel der Roman enthält, das über das Abenteuer hinausgeht.
Robinson Crusoe lesen, ohne die koloniale Logik zu lesen, die ihm eingebaut ist, bedeutet, den Roman zu halbieren. Was ihn interessant macht, ist genau diese Doppelstruktur: ein erzählerisch präzises, psychologisch nüchternes Überlebensdokument, das in jeder Seite die Überzeugungen einschreibt, durch die Europa damals die Welt interpretierte. Das ist keine Einschränkung des Romans, sondern seine Tiefe.
Defoe schrieb den Roman in wenigen Monaten und veröffentlichte ihn anonym — eine Praxis der Zeit, die die Fiktion der authentischen Memoiren stützte. Das Buch hatte unmittelbaren Erfolg. Was Robinson Crusoe von seinen zeitgenössischen Nachahmungen unterscheidet, ist das Tempo der Beobachtung: Defoe beschreibt die Insel mit einer Detailgenauigkeit, die den Roman auch als Zeugnis für das europäische Naturverständnis des frühen 18. Jahrhunderts lesbar macht.
Was Crusoes Überlebenslogik zeigt, ist nicht Individualismus im abstrakten Sinne, sondern die protestantische Überzeugung, dass Fleiß und Ordnung die richtige Antwort auf die Kontingenz der Welt sind. Diese Überzeugung trägt den Roman, und sie ist der Grund, aus dem er im 18. Jahrhundert so rezipiert wurde, wie er rezipiert wurde: nicht als Abenteuer, sondern als Weltanschauung.
Jane Austen schrieb ihre Romane ohne eigenes Arbeitszimmer und versteckte Manuskripte schnell unter Löschpapier.
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