Der Graf von Monte Christo, 1844 bis 1846 von Alexandre Dumas in Fortsetzungen erschienen, ist einer der umfangreichsten und konstruktiv ambitioniertesten Romane der europäischen Unterhaltungsliteratur. Edmond Dantès, ein junger Matrose kurz vor seiner Hochzeit und seiner ersten Kapitänsstelle, wird durch eine Intrige dreier Männer, die seine Position, seine Verlobte oder ihre eigene Sicherheit bedrohen, als Bonapartist denunziert und in das Château d'If gesperrt. Vierzehn Jahre verbringt er dort, bevor er durch die Hilfe des Mitgefangenen Abbé Faria entkommt — mit dessen Wissen über einen vergrabenen Schatz auf der Insel Monte Cristo. Als reicher, namenloser Graf kehrt er nach Paris zurück.
Was den Roman trägt, ist nicht die Rache selbst, sondern die Geduld, die ihr vorangeht. Dantès wartet und beobachtet jahrelang, bevor er handelt — er konstruiert Situationen, keine Konfrontationen. Diese Struktur der aufgeschobenen Vergeltung ist Dumas' eigentliches Thema: die Frage, ob ein Mensch, der sich als Vollstrecker göttlicher Gerechtigkeit begreift, die Präzision des Schicksals nachbilden kann. Die Antwort des Romans ist nein — aber das Nein kommt spät. Bis dahin zeigt Dumas, wie die Mechanik der Rache die Menschen trifft, die Monte Cristo trifft, und dabei immer auch die Unschuldigen erfasst, für die er keine Rechnung aufgestellt hatte.
Fernand Mondego, der erste seiner Feinde, hat einen Sohn Albert, der Dantès nicht kennt und nichts getan hat. Mercedes, Dantès' frühere Verlobte, hat Fernand geheiratet — aus Verzweiflung, nicht aus Verrat. Dumas baut diese Kollateralverluste nicht als moralische Lektion ein, sondern als strukturelle Konsequenz: Systeme der Vergeltung kennen keine Grenzen, die das Prinzip selbst zieht.
Der Roman ist lang — in der Vollversion über tausend Seiten — und er nimmt sich die Zeit, die er braucht: für Nebenfiguren, die Nebenstränge haben, für politische Hintergründe, die die Haupthandlung erklären, für eine Paris-Gesellschaft des Julimonarchie, die Dumas kannte und analysierte. Wer sich auf diesen Rhythmus einlässt, findet in Monte Christo weniger einen Abenteuerroman als eine Untersuchung der Frage, was aus einem Menschen wird, der sein Leben vollständig einem einzigen Ziel unterordnet — und was er verloren hat, bevor er bemerkt, dass er gewonnen hat.
Dumas schrieb den Roman in Zusammenarbeit mit Auguste Maquet, der Recherchen übernahm. Der spezifische Rhythmus des Romans, die Dialoge, die Charakterzeichnung — das ist Dumas, unverwechselbar. Was Monte Christo von anderen Dumas-Romanen unterscheidet, ist die Bereitschaft, die moralischen Konsequenzen des Racheprojekts ernst zu nehmen — die Einsicht, dass kein Racheplan vollständig kontrollierbar ist und dass die Zerstörung des Schuldigen immer Unbeteiligte mitreißt.
Kafka bat seinen Freund Max Brod, alle seine Manuskripte zu verbrennen. Brod ignorierte den Wunsch.
Dieses Werk ist gemeinfrei — das Urheberrecht ist abgelaufen. Alle Bücher auf BuchLounge stammen aus dem Projekt Gutenberg. Das Herunterladen ist 100% legal und kostenlos.