Moby-Dick, 1851 von Herman Melville erschienen und seinem Freund Nathaniel Hawthorne gewidmet, ist der amerikanische Roman, der mehr über die menschliche Obsession geschrieben hat als jedes andere Werk seiner Sprache. Ishmael, der Ich-Erzähler, schifft sich auf dem Walfänger Pequod unter Kapitän Ahab ein. Ahab hat ein Ziel: den weißen Wal Moby Dick zu finden und zu töten, der ihm bei einem früheren Zusammentreffen das Bein abgerissen hat. Die Mannschaft folgt ihm in das Wissen um ihren eigenen Untergang.
Melville schreibt keinen Abenteuerroman und keinen philosophischen Traktat — er schreibt beides gleichzeitig und lässt die Reibung produktiv werden. Die sachlichen Kapitel über Walarten, Walöl, Harpunentechnik und Seemannsbrauch sind keine Abschweifungen: Sie bauen den materiellen Hintergrund auf, vor dem Ahabs metaphysischer Zorn erst seine ganze Absurdität zeigt. Er verfolgt ein Tier, das kein Bewusstsein hat, mit einer Konsequenz, die nur ein Bewusstsein haben kann, das vollständig von sich selbst besetzt ist.
Der weiße Wal selbst bleibt das Leerste im Roman: Er bedeutet alles und nichts. Das ist Melvilles Argument gegen Ahab — nicht, dass er falsch liegt, sondern dass er einem Objekt eine Bedeutung beimisst, die das Objekt nicht hat.
Moby-Dick ist ein Roman, der verlangt, was er beschreibt: Ausdauer und die Bereitschaft, sich von der Richtung des eigenen Lesens mitreißen zu lassen. Wer das aufbringt, findet nicht nur Ahabs Tragödie, sondern Ishmaels Überlebenskunst — die Fähigkeit, in einer Katastrophe, die er kommen sieht, anwesend zu sein und nicht gleichgültig zu werden. Das ist das andere Thema des Romans, das die Ahab-Faszination oft überschattet.
Der Roman verkaufte sich zu Melvilles Lebzeiten schlecht — er starb 1891 fast vergessen. Die Wiederentdeckung begann in den 1920er Jahren und führte zu dem Rang, den das Buch heute einnimmt. Was die Wiederentdecker sahen, war nicht nur die Erzählung, sondern die Prosa: Melville schreibt in einem Englisch, das zwischen dem Shakespeareschen, dem biblischen und dem seefahrerischen Fachjargon pendelt und dabei eine Energie entwickelt, die kein Zeitgenosse hatte. Das ist der Grund, aus dem Moby-Dick in Übersetzung immer einen Teil seiner Wirkung verliert.
Das Buch verlangt von seinem Leser dasselbe, was Ahab von seiner Mannschaft verlangt: die Bereitschaft, einem Ziel zu folgen, dessen Ergebnis unsicher ist. Was der Lesende dafür erhält, ist eine Prosawelt, die kein anderer amerikanischer Roman des 19. Jahrhunderts in dieser Dichte hervorgebracht hat.
Leo Tolstoi war so unzufrieden mit Anna Karenina, dass er erwog, das Manuskript zu verbrennen.
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