Frankenstein oder Der moderne Prometheus, 1818 erschienen als Mary Shelley neunzehn Jahre alt war, ist der erste Roman der Science-Fiction im modernen Sinne — nicht weil er Wissenschaft beschreibt, sondern weil er die Konsequenz von Wissenschaft als moralisches Problem begreift. Victor Frankenstein, Naturphilosoph, erschafft aus Leichenteilen ein Wesen und belebt es. Erschreckt von seinem eigenen Werk flieht er. Die Kreatur — namenlos im Roman — wächst allein auf, lernt Sprache und Geschichte durch heimliche Beobachtung, sucht Verbindung zu Menschen und findet Abstoßung. Sie bittet Frankenstein um eine Gefährtin; er verweigert es; sie rächt sich systematisch an allem, was er liebt.
Shelley schreibt keine Schauergeschichte, sondern eine philosophische Frage: Was schuldet ein Schöpfer seiner Schöpfung? Frankenstein, der flieht, ohne je die Verantwortung zu übernehmen, ist nicht böse, sondern selbstbezogen: Er kann das Werk, das nicht seinen Erwartungen entspricht, nicht ertragen. Die Kreatur ist das Opfer dieser Unfähigkeit — von Anfang an zur Einsamkeit verurteilt durch ein Aussehen, das sie von jeder Gemeinschaft ausschließt, und durch einen Schöpfer, der abweist, was er erzeugt hat.
Shelleys Struktur — Erzählungen in Erzählungen, jede Stimme parteiisch — macht eine eindeutige Verurteilung unmöglich. Die Kreatur ist der articulateste Charakter des Romans; Frankenstein ist der bemitleidenswerteste. Wer Recht hat, lässt Shelley bewusst offen — weil die Frage nicht durch Sympathie, sondern durch Prinzip entschieden werden müsste.
Frankenstein ist der Roman, auf den jede Diskussion über die Ethik der Schöpfung zurückkommt — ob es um künstliche Intelligenz, Gentechnik oder die Frage geht, welche Verantwortung Ingenieure für ihre Systeme tragen. Shelleys Frage war 1818 spekulativ; sie ist heute praktisch. Was der Roman anbietet, ist kein Regelwerk, sondern die präziseste narrative Formulierung der Frage selbst: Was bedeutet es, Leben zu erzeugen — und was folgt daraus?
Shelley schrieb Frankenstein im Alter von neunzehn Jahren, während eines Sommers am Genfer See mit Percy Shelley, Lord Byron und John Polidori. Was dabei entstanden ist, übertrifft jeden der Texte, die die anderen in derselben Schreibwette produzierten, in Tiefe und Dauerhaftigkeit erheblich. Das ist kein Zufall: Shelley brachte in das Thema der künstlichen Schöpfung eine philosophische Frage mit, die die anderen als Schauergeschichte behandelten. Diese Frage — was schuldet ein Schöpfer seiner Schöpfung — ist der Grund, aus dem der Roman nach mehr als zwei Jahrhunderten noch gelesen wird.
Jane Austen schrieb ihre Romane ohne eigenes Arbeitszimmer und versteckte Manuskripte schnell unter Löschpapier.
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