Reise zum Mittelpunkt der Erde, 1864 von Jules Verne erschienen, ist das zweite Werk in seiner Reihe der herausragenden Reisen und das erste, das ins Erdinnere statt in die Ferne der Oberfläche führt. Professor Otto Lidenbrock, ein hamburger Mineraloge von explosivem Temperament, entdeckt in einem alten Manuskript eine verschlüsselte Botschaft des isländischen Gelehrten Arne Saknussemm: Er sei bis zum Mittelpunkt der Erde vorgedrungen. Lidenbrock bricht sofort auf — mit seinem Neffen Axel, der die Reise erzählt, und dem isländischen Führer Hans Bjelke. Sie steigen in den Krater des Snæfellsjökull und finden eine Welt, die keine geologische Theorie des 19. Jahrhunderts erwartet hatte.
Verne schreibt den Roman im Bewusstsein der zeitgenössischen Geologiedebatte: Ob das Erdinnere heiß oder kalt sei, war 1864 noch nicht entschieden. Er entscheidet sich für die Hypothese, die ihm mehr erzählerischen Raum gibt — eine innere Welt mit eigenem Klima, Urwäldern, prähistorischen Tieren, einem unterirdischen Ozean —, und begründet das mit dem Kontext einer Figur, die Vernes eigentliches Interesse ist: Professor Lidenbrock ist nicht klug und gütig, er ist klug und rücksichtslos. Seine Obsession treibt Axel in eine Reise, die dieser nie gewollt hätte, und hält ihn durch puren Willen am Weitergehen.
Axel als Erzähler ist Vernes geschicktestes Mittel: ein Wissenschaftler mit ausreichend Wissen, um zu beschreiben, was er sieht, und ausreichend Angst, um die Bedrohung real zu halten. Seine innere Erzählung während der unterirdischen Reise — Erschöpfung, Desorientierung, der Verlust jedes Bezugs zur Oberfläche — gibt dem Roman eine psychologische Ebene, die reines Abenteuerschreiben nicht hätte.
Vernes Roman ist formal ein Abenteuerwerk aus dem 19. Jahrhundert, thematisch aber eine Reflexion über das Verhältnis zwischen wissenschaftlicher Gewissheit und Unbekanntem. Was Lidenbrock sucht, hat niemand gesehen; was er findet, widerspricht allem, was er weiß. Diese Erfahrung — das Betreten eines Raums, für den das eigene Wissen keine Kategorien hat — ist Vernes eigentliche Erkundung. Das Buch ist auch als Einstieg in Vernes herausragende Reisen gut geeignet: Es ist kürzer als Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer und zeigt Vernes Methode in konzentrierter Form.
Das Buch erschien 1864 als Teil von Vernes erstem Vertrag mit dem Verleger Pierre-Jules Hetzel, der Vernes herausragende Reisen als Reihe konzipierte. Die inhärente Spannung zwischen populärem Bildungsanspruch und literarischer Qualität, die in den besten dieser Bücher produktiv wird, ist in der Reise zum Mittelpunkt der Erde besonders gut ausbalanciert: Das Buch ist zugänglich und anspruchsvoll zugleich — es erklärt, ohne zu vereinfachen, und spannend, ohne auf psychologische Tiefe zu verzichten.
Verne schrieb das Buch als populäre Wissenschaft im besten Sinne: als Einladung, sich das Unbekannte vorzustellen, bevor die Wissenschaft es benannt hat. Diese Haltung — die Vermutung über das Mögliche — ist das Verbindende aller großen Abenteuerromane, und Verne hat sie in diesem Buch so vollständig realisiert wie in kaum einem seiner anderen.
Kafka bat seinen Freund Max Brod, alle seine Manuskripte zu verbrennen. Brod ignorierte den Wunsch.
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