Die Odyssee, zeitlich nach der Ilias entstanden und ihr in Tonlage und Struktur deutlich verschieden, verfolgt die zehnjährige Heimkehr des Odysseus von Troja nach Ithaka. Das Epos beginnt in medias res — Odysseus ist bereits seit sieben Jahren bei der Nymphe Kalypso — und arbeitet mit Rückblenden, Erzählungen in Erzählungen und einer Vielzahl von Stimmen. Penelope wartet, von Freiern bedrängt; Telemach sucht nach Nachrichten vom Vater; Odysseus reist, lügt, kämpft und kehrt als Bettler zurück, bevor er sich zu erkennen gibt.
Odysseus ist das, was Achilleus nicht ist: kein kriegerisches Ideal, sondern ein Pragmatiker. Seine Stärke ist die Metis — die praktische Klugheit, die List, die Fähigkeit, sich anzupassen und die eigene Identität strategisch zu verbergen oder zu enthüllen. Wo Achilleus Ruhm sucht und findet, sucht Odysseus Heimkehr und findet sie — aber zu welchem Preis? Der Mann, der zurückkommt, ist nicht mehr der, der gefahren ist, und die Heimat hat sich verändert.
Das Epos enthält eine der präzisesten Beschreibungen von Nostos — Heimkehr — in der Weltliteratur: Odysseus erkennt Penelope, bevor er ihr sagt, wer er ist; sie testet ihn mit dem Geheimnis des Betts; erst die gemeinsame Kenntnis beweist die Zugehörigkeit. Homer baut die Wiedererkennung als epistemologisches Problem — wie erkennt man jemanden nach zwanzig Jahren?
Die Odyssee ist in der kulturellen Nachwirkung nicht weniger präsent als die Ilias — Joyces Ulysses, Kafkas Sirenen-Fragment, Cavafy's Ithaka: Die Rezeptionsgeschichte ist ein Beweis für die Produktivität des Grundmusters. Was das Original bietet, das keine Nacherzählung ersetzen kann, ist die konkrete Erfahrung eines Textes, der seit 2800 Jahren ohne wesentlichen Verlust übertragen wurde. Das allein ist eine Aussage über das, was Literatur leisten kann, wenn sie präzise genug ist.
Die Odyssee ist in der deutschen Übersetzungsgeschichte besonders reich vertreten: Von Voß über Schadewaldt bis zu aktuellen Übersetzungen gibt es ein breites Spektrum zwischen philologischer Treue und literarischer Eigenständigkeit. Was das Original in altgriechischer Sprache hat — eine prosodische Qualität, die keine Übersetzung vollständig übertragen kann —, ist der Versuch, der sich auch auf Deutsch lohnt: die Erfahrung einer Erzählung, die dreitausend Jahre alt ist und in jedem Satz zeigt, warum sie überlebt hat.
Goethe arbeitete über 60 Jahre an Faust — von seinen frühen Zwanzigern bis kurz vor seinem Tod.
Dieses Werk ist gemeinfrei — das Urheberrecht ist abgelaufen. Alle Bücher auf BuchLounge stammen aus dem Projekt Gutenberg. Das Herunterladen ist 100% legal und kostenlos.