Die Ilias, im 8. Jahrhundert v. Chr. in ihre heute überlieferte Form gebracht, ist das älteste Werk der abendländischen Literatur und gleichzeitig eines der formal vollständigsten Epen, die wir besitzen. Das Gedicht behandelt nicht den ganzen Trojanischen Krieg, sondern 51 Tage im zehnten Kriegsjahr: den Zorn des Achilleus, der sich nach einem Streit mit dem Oberbefehlshaber Agamemnon aus dem Kampf zurückzieht; die griechischen Verluste in seiner Abwesenheit; den Tod seines Freundes Patroklos durch Hektor; und Achilleus' Rückkehr, Hektors Tod und die Rückgabe des Leichnams.
Das Epos glorifiziert den Krieg nicht — es dokumentiert ihn mit einer Genauigkeit, die keine Romantisierung zulässt. Jeder Tote hat einen Namen, eine Herkunft, eine Funktion: Dieser war der beste Pferdebändiger seines Dorfes, jener heiratete zu früh, ein anderer wird seinen Vater nie wiedersehen. Diese Individualisierung der Gefallenen ist das ethische Herzstück des Textes: Homer verweigert die Abstraktion, die Krieg erträglich macht. Hektors Abschied von Frau und Sohn vor dem entscheidenden Kampf ist möglicherweise die emotionalste Szene der antiken Literatur — und Hektor ist der Feind.
Die Götter, die in die Handlung eingreifen, sind keine Regie-Instanz im moralischen Sinne: Sie verfolgen eigene Interessen, bevorzugen, schützen und lassen fallen wie politische Parteigänger. Diese Entmoralisierung des Transzendenten ist eine der kühnsten theologischen Aussagen der Antike.
Die Ilias in der Originalsprache ist für die meisten Lesenden nicht zugänglich; in einer guten deutschen Übersetzung — etwa von Wolfgang Schadewaldt — bleibt von Homers Haltung genug erhalten. Was der Text für heute bereithält, ist keine Mythologie, sondern eine Anthropologie des Krieges: die präzise Beschreibung dessen, was es bedeutet, Menschen in Systeme organisierter Gewalt zu bringen und was diese Systeme aus Menschen machen. Homer schrieb das ohne Systemkritik — aber er schrieb es so genau, dass die Kritik sich selbst ergibt.
Was die Ilias von fast allem anderen, was je über Krieg geschrieben wurde, unterscheidet, ist diese Kombination: das Grauen der Gewalt und die Schönheit der Sprache, die es beschreibt, ohne eines gegen das andere auszuspielen. Das ist Homers eigentlichste Leistung — und sie ist in einer guten deutschen Übersetzung so gut erhalten wie in irgendeiner anderen Sprache außer dem Altgriechischen selbst.
Goethe arbeitete über 60 Jahre an Faust — von seinen frühen Zwanzigern bis kurz vor seinem Tod.
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