Das Nibelungenlied, um 1200 in mittelhochdeutscher Sprache entstanden, ist das bedeutendste mittelalterliche Epos des deutschsprachigen Raums. Es erzählt in zwei Teilen: erst die Geschichte Siegfrieds, der die Burgundenkönige am Rhein besucht, Kriemhild heiratet und durch Hagens Verrat ermordet wird; dann Kriemhilds Rache, die sie durch eine zweite Ehe mit dem Hunnenkönig Etzel vorbereitet und die in einem einzigen gigantischen Gemetzel endet. Alle sterben: Burgunden, Hunnen, Kriemhild selbst.
Das Nibelungenlied hat keine Lösung — es hat eine Eskalation. Jede Rache erzeugt neue Schuld, jede Ehrverletzung verlangt eine neue. Die Figuren handeln nach einem Ehrcode, der sie zwingt, Maßnahmen zu ergreifen, die sie selbst als übertrieben erkennen — und die sie dennoch ergreifen, weil das System keine Ausnahmen erlaubt. Hagen, der dunkle Stratege, ist in diesem Rahmen die konsequenteste Figur: Er tötet Siegfried aus politischer Kalkulation, verteidigt die Burgunden bis zuletzt und stirbt, ohne seine Überzeugungen zu widerrufen.
Der Text ist in seiner Überlieferung nicht einheitlich — es gibt mehrere Fassungen, die in Details abweichen. Das macht ihn zu einem literaturhistorischen Dokument, das seinen Entstehungsprozess sichtbar trägt.
Das Nibelungenlied lesen heißt, eine Logik verstehen, die für moderne Lesende fremd ist: die absolute Priorität von Ehre über Leben, Vernunft und Gefühl. Diese Fremdheit ist produktiv: Sie erlaubt, die eigene moralische Grammatik in Kontrast zu sehen. Der Text ist in moderner Prosaübertragung zugänglich; wer die mittelhochdeutsche Lektüre scheut, verliert wenig an der Handlung, aber viel an der formalen Wucht des Originals.
Der Text ist in mittelhochdeutschen Strophen verfasst, einem Versmaß mit einer charakteristischen Kadenz, die in der Originalsprache auch ohne Kenntnisse des Mittelhochdeutschen eine formale Wucht entfaltet. Für die Lektüre auf Neuhochdeutsch empfehlen sich Prosaversionen, die den Handlungsbogen erhalten, oder Karl Simrocks klassische Nachdichtung, die das Versmaß bewahrt. Was der Text unabhängig von der Form bereithält, ist eine narrative Energie, die nach achthundert Jahren nichts von ihrer Direktheit verloren hat.
Das Nibelungenlied ist auch deshalb lohnend, weil es zeigt, wie Heroismus und Tragödie nicht auf Versagen, sondern auf der Konsequenz moralischer Systeme beruhen — eine Lektion, die außerhalb der mittelhochdeutschen Philologie selten so direkt formuliert wird.
Kafka bat seinen Freund Max Brod, alle seine Manuskripte zu verbrennen. Brod ignorierte den Wunsch.
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