Die Göttliche Komödie, zwischen 1307 und 1321 entstanden, ist das Hauptwerk Dantes und eines der Fundamente der europäischen Literatur. Dante begibt sich als Erzähler-Ich, geführt zunächst von Vergil, dann von Beatrice, durch die drei Reiche der christlichen Jenseitswelt: Inferno, Purgatorio, Paradiso. Jeder Bereich ist präzise geografisch und theologisch strukturiert — das Inferno als Trichter, der sich zum Erdmittelpunkt verjüngt; das Purgatorio als Bergstufe; das Paradiso als Sphärenmodell. Die Begegnungen mit historischen und zeitgenössischen Figuren sind keine ornamentalen Exkurse, sondern der eigentliche politische und moralische Kommentar des Werkes.
Dante schreibt als politischer Exulant — er war 1302 aus Florenz verbannt worden und kehrte nie zurück. Das gibt dem Werk eine persönliche Bitterkeit, die durch die universale theologische Architektur nicht vollständig neutralisiert wird: Politische Gegner sitzen im Inferno, Freunde und Mentoren finden sich im Purgatorio oder Paradiso. Was als Theologie erscheint, ist zugleich Abrechnung.
Das bekannteste Kapitel — Inferno V mit Paolo und Francesca, den Ehebrechern, die im Sturm kreisen — zeigt Dantes charakteristischste Haltung: Er verurteilt und empfindet gleichzeitig Mitgefühl. Francisca erzählt so, dass Dante ohnmächtig wird. Die Strafe ist gerecht nach Dantes Theologie; der Schmerz ist real nach Dantes Menschlichkeit.
Die Göttliche Komödie ist in einer guten Übersetzung — etwa von Karl Vossler oder Hermann Gmelin — trotz der theologischen und historischen Distanz lesbar: weil die menschlichen Charaktere, die Dante zeichnet, psychologisch präzise sind und die Fragen, die er stellt — was verdient Strafe, was Mitleid, was wäre Gerechtigkeit? —, keine mittelalterlichen Fragen sind. Wer den Text als politisches Dokument eines verbannten Intellektuellen liest, findet ein anderes Werk als der, der nach Theologie sucht.
Eine praktische Empfehlung: Wer zunächst nur einen Teil lesen möchte, sollte mit dem Inferno beginnen — es ist das dramatischste und enthält die bekanntesten Szenen — und dann entscheiden, ob Purgatorio und Paradiso folgen sollen. Das Paradiso ist das formal Anspruchsvollste und das, das am stärksten von Dantes theologischer Überzeugung abhängt; es verlangt mehr, belohnt aber anders als die beiden ersten Cantiche.
Wer das Inferno liest und den Mut aufbringt, bis ins Paradiso vorzudringen, findet dort einen Dante, der sich selbst übersteigt: Die letzten Gesänge des Paradiso sind das Abstracteste und Strahlendste, was die mittelalterliche Literatur hervorgebracht hat — und sie sind ohne den Weg durch Inferno und Purgatorio nicht zu verstehen.
Kafka bat seinen Freund Max Brod, alle seine Manuskripte zu verbrennen. Brod ignorierte den Wunsch.
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