Washington Square, 1880 von Henry James erschienen, ist Jamens zugänglichstes und komprimiertestes Werk — für Leser, die ihn kennenlernen wollen, ein besserer Einstieg als die Hauptwerke. Catherine Sloper, Tochter eines wohlhabenden New Yorker Arztes, verliebt sich in den charmanten, besitzlosen Morris Townsend. Ihr Vater, ein kühler Intellektueller mit wenig Respekt für seine Tochter, ist überzeugt, dass Townsend ein Mitgiftjäger ist. Er behält recht — aber das macht seine Behandlung Catherines nicht weniger kalt.
James konstruiert das Dilemma so, dass niemand vollständig im Recht ist. Der Vater hat die bessere Einschätzung der Fakten und die schlechtere der Menschenwürde. Townsend ist tatsächlich ein Opportunist und gleichzeitig derjenige, der Catherine ernst genug nimmt, um sie zu umwerben. Catherine selbst entwickelt sich im Verlauf des Romans von einer naiven jungen Frau zu einer, die ihre Naivität verloren hat und dafür eine Stärke gewonnen hat, die keine Wärme mehr zulässt: Der letzte Akt des Romans — Townsend kehrt zurück, Catherine weist ihn ab — ist einer der kältesten und befriedigendsten Schlüsse in Jamens Werk.
Washington Square ist ein Roman über Enttäuschung als Bildung — über das, was ein Mensch wird, wenn er gelernt hat, anderen nicht mehr zu vertrauen. James lässt das ohne moralisches Urteil stehen: Catherine wird nicht besser durch ihre Desillusionierung, aber sie wird stärker. Ob das ein Gewinn ist, entscheidet der Roman nicht. Das ist die Ehrlichkeit des Textes.
James schreibt den Roman knapp und ohne Ausschweifung, und diese Dichte macht jede Begegnung zwischen Catherine und ihrem Vater, zwischen Catherine und Townsend, zu einer Machtprobe. Was auf den ersten Blick wie ein kleines bürgerliches Drama wirkt, ist bei näherer Betrachtung ein scharfsinniges Porträt dreier Menschen, die einander nicht hören wollen — und der Frau, die als Einzige am Ende klar sieht. Townsends zweite Rückkehr, die den Roman beschließt, ist James' bitterste Aussage: dass Läuterung keine Selbstverständlichkeit ist und dass Catherine das ohne Bedauern verstanden hat.
Henry James schrieb den Roman nach seiner Rückkehr aus Europa und mit dem Blick des Außenstehenden auf die amerikanische Gesellschaft, die er kannte und von der er sich distanziert hatte. Washington Square ist das Buch, in dem diese doppelte Perspektive — nah und distanziert — am deutlichsten zu einer Erzählhaltung geworden ist, die weder urteilt noch entschuldigt.
Leo Tolstoi war so unzufrieden mit Anna Karenina, dass er erwog, das Manuskript zu verbrennen.
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