Väter und Söhne, 1862 von Ivan Turgenev erschienen, ist der Roman, der den Begriff Nihilismus für eine ganze Generation popularisierte. Arkadi Kirsanov bringt nach seinem Studium seinen Freund Jewgeni Bazarow mit auf das Familiengut. Bazarow ist Naturwissenschaftler, radikaler Empirist und verachtet alles, was nicht materiell beweisbar ist: Kunst, romantische Liebe, Tradition, Autorität. Er verfällt selbst in eine Liebe, die er seinem Selbstbild nach nicht empfinden dürfte, und stirbt an Typhus — nach einer Infektion bei der Sektion einer Leiche.
Turgenev schreibt keinen Konflikt zwischen Gut und Böse, sondern zwischen zwei Weltbeschreibungen, die beide ihre Grenzen haben. Die väterliche Generation — liberal, Schiller lesend, an romantische Liebe glaubend — ist lebensfähig, aber orientierungslos. Bazarow ist konsequenter, analytisch schärfer und unfähig, mit dem zu leben, was er selbst erfährt. Seine Liebe zu Anna Odinzowa ist nicht Niederlage, sondern Erkenntnis: Das, was er verneint, ist stärker als seine Verneinung.
Turgenev wurde von beiden Seiten angegriffen: Die Konservativen sahen in Bazarow ein Lob des Nihilismus; die Radikalen sahen in ihm eine Karikatur. Beide hatten damit unrecht und zeigten, wie präzise Turgenev traf: Er beschrieb das, was alle sahen, ohne es zu deuten.
Väter und Söhne ist der Roman über das Verhältnis zwischen Überzeugung und Erfahrung — über das, was ein Mensch tut, wenn das Leben ihn widerlegt. Bazarows Tod ist nicht Strafe für seinen Nihilismus, sondern sein letzter Akt der Konsequenz: Er infiziert sich bei der Arbeit, behandelt sich selbst, stirbt ohne Selbstmitleid. Das ist keine Bekehrung, aber es ist eine Haltung, die der Roman respektiert — auch wenn er zeigt, dass sie nicht ausreicht.
Turgenev schrieb den Roman während eines Aufenthalts in Paris und schickte ihn 1861 zur Veröffentlichung nach Russland — in ein Land, das kurz zuvor die Leibeigenschaft abgeschafft hatte. Bazarow ist in diesem Kontext nicht nur ein psychologischer Charakter, sondern ein gesellschaftliches Symptom: die erste Generation, für die die alten Antworten keine mehr sind. Turgenev hat das ohne ideologische Festlegung beschrieben — und deshalb ist der Roman nach mehr als 160 Jahren nicht historisch, sondern strukturell lesbar.
Bazarows Tod durch eine Selbstinfektion bei der Sektion eines Typhus-Opfers ist bei Turgenev kein Symbol und keine Strafe — es ist das logische Ende eines Mannes, der in der wissenschaftlichen Arbeit den letzten verbliebenen Sinn sah und darin nicht nachlassen wollte. Das macht seinen Tod menschlicher und trauriger als jede mythologische Überhöhung es könnte.
Kafka bat seinen Freund Max Brod, alle seine Manuskripte zu verbrennen. Brod ignorierte den Wunsch.
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