Die Möwe, 1896 uraufgeführt — der erste Abend ein Fiasko, die Petersburger Wiederaufnahme 1898 ein Triumph —, ist Tschechows erstes Drama im vollen Sinne seiner eigenen Methode. Auf einem Landgut am See gibt es einen jungen Dramatiker (Konstantin), eine ehrgeizige Schauspielerin (Nina), eine berühmte ältere Schauspielerin (Arkadina), ihren alternden Schriftstellergeliebten (Trigorin). Konstantin schreibt ein avantgardistisches Stück für Nina; sie spielt es; Arkadina verspottet es; Nina verliebt sich in Trigorin; Konstantin versucht, sich zu erschießen — und scheitert. Zwei Jahre später kehrt Nina zurück: gebrochen, aber nicht besiegt.
Tschechow interessiert sich für die Frage, was Kunst mit Menschen macht, die sie produzieren oder produzieren wollen. Konstantin braucht Bestätigung und bekommt sie nicht; Nina gibt sich auf und verliert sich dabei; Trigorin sammelt Leben und Erfahrungen als Material für seine Notizhefte, ohne sie wirklich zu leben. Arkadina ist die einzige, die weiß, was sie will — und das ist das Problem: Sie will zu viel für sich und zu wenig für andere.
Die Möwe, die Konstantin schießt und Trigorin als Motiv für eine mögliche Geschichte notiert, ist das Symbol des Stücks: unschuldig getötet, als Material für eine Kunst, die das Töten nicht braucht hätte.
Die Möwe ist das beste Einführungsstück in Tschechow, weil es alle seine Themen in komprimierter Form enthält: die verpasste Liebe, die künstlerische Ambition, das Scheitern zwischen Wollen und Können, die Selbsttäuschung. Was es heute besonders lesbar macht, ist Ninas letzte Szene — die Rückkehr einer Frau, die alles verloren hat und trotzdem weitergeht, nicht weil es einen Sinn gibt, sondern weil das Weitergehen das Einzige ist, was ihr verbleibt. Tschechow hält diese Haltung nicht für Niederlage.
Das Stück wurde bei der Petersburger Uraufführung 1896 ausgepfiffen — ein Misserfolg, der Tschechow traf und ihn für zwei Jahre vom Theaterschreiben fernhielt. Die Wiederaufnahme 1898 durch das Moskauer Künstlertheater wurde ein Triumph. Was sich verändert hatte, war nicht der Text, sondern die Inszenierung: Stanisławski hatte das Stück auf eine Weise gezeigt, die seine Gleichzeitigkeit von Tragödie und Komödie ernst nahm.
Ninas letzter Auftritt — erschöpft, gescheitert in ihrer Schauspielkarriere, verlassen von Trigorin — ist einer der emotionalsten Abgänge der europäischen Theaterliteratur. Was ihn von melodramatischen Entsprechungen unterscheidet, ist Tschechows Zurückhaltung: Nina klagt nicht, sie berichtet. Diese Nüchternheit ist das Stärkste, was Tschechow ihr geben konnte.
Leo Tolstoi war so unzufrieden mit Anna Karenina, dass er erwog, das Manuskript zu verbrennen.
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