Faust, Erster Teil, 1808 erschienen nach Jahrzehnten intermittierender Arbeit, ist das Zentralwerk der deutschsprachigen Literatur und gleichzeitig das am schwersten einzuordnende. Heinrich Faust, Gelehrter, der alle Disziplinen erschöpft und keine Erkenntnis gefunden hat, schließt einen Wettvertrag mit Mephistopheles: Wenn Faust je einen Augenblick so schön findet, dass er ihm sagen würde, verweile doch, so bist du so wüst, gehört dem Teufel seine Seele. Was folgt, ist keine Teufelspaktgeschichte, sondern eine Untersuchung der Grenzen des menschlichen Erkenntnisanspruchs — mit Gretchen als ihrem menschlichsten und zerstörerischsten Kapitel.
Mephistopheles ist in Goethes Konzeption nicht der Böse im theologischen Sinne, sondern der Geist, der stets verneint — die prinzipielle Skeptizität, die jeder Bejahung widerspricht. Seine Funktion ist es, Faust in Bewegung zu halten: Nicht durch Versuchung im moralischen Sinne, sondern durch die Unfähigkeit, Fausts Rastlosigkeit zu stillen. Goethe selbst formuliert im Prolog: Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst. Ob das für Faust gilt, lässt er absichtlich offen.
Die Gretchentragödie ist das strukturell eigenständigste Stück des ersten Teils — ein bürgerliches Trauerspiel innerhalb der Gelehrten-Makroerzählung. Goethe zeigt hier, was Fausts Streben kostet, wenn es mit der Wirklichkeit eines anderen Menschen in Berührung kommt: Gretchens Tod ist nicht Mephistopheles' Werk, sondern die Konsequenz von Fausts Selbstbezogenheit, die das andere Leben als Material für die eigene Erfahrung behandelt.
Faust ist kein Lesestoff, den man durchliest und hinter sich lässt. Er gehört zu jenen Texten, die man immer in Teilen kennt und die durch jede vollständige Lektüre überraschen — weil Goethe in ihnen mehr Ambiguität angelegt hat, als Schul- und Populärrezeption bewahren konnten. Die Frage, ob Faustens Unruhe Größe ist oder Destruktivität, beantwortet der Text bewusst nicht; er stellt sie mit wachsender Präzision. Das ist der Grund, aus dem er nach mehr als zwei Jahrhunderten nicht als historisches Dokument gelesen wird, sondern als Anfrage an jeden Lesenden, wo die eigene Grenze zwischen Erkenntniswille und Selbstbezogenheit verläuft.
Der zweite Teil des Faust, den Goethe erst kurz vor seinem Tod 1832 abschloss, ist formal noch rätselhafter als der erste. Wer den ersten Teil kennt, hat das Fundament für den zweiten, aber kein Versprechen auf Auflösung: Der zweite Teil stellt neue Fragen. Für die Lektüre empfiehlt sich zunächst der erste Teil allein, mit besonderer Aufmerksamkeit für die Gretchentragödie. Was Goethe im Ganzen vorhatte, lässt sich aus dem Ersten Teil nicht erschließen — aber was der Erste Teil für sich ist, reicht bereits.
Jane Austen schrieb ihre Romane ohne eigenes Arbeitszimmer und versteckte Manuskripte schnell unter Löschpapier.
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