Die Schachnovelle, 1942 im Exil entstanden und kurz vor Stefan Zweigs Tod im Februar 1942 in Brasilien fertiggestellt, ist sein letztes abgeschlossenes Werk. Auf einem Überseedampfer begegnet der Ich-Erzähler dem Schachweltmeister Mirko Czentovic, einem geistig beschränkten, aber schachbesessenen Bauernkind aus Slawonien. Dr. B., ein österreichischer Anwalt, der von der Gestapo in ein Hotelzimmer ohne menschlichen Kontakt gesperrt war und in dieser Isolation ein gestohlenes Schachbuch auswendig lernte, fordert Czentovic heraus. Der Roman erzählt, was Isolation aus einem Geist macht.
Zweig schreibt kein Schachbuch. Er schreibt über die Psyche unter totaler Deprivation. Dr. B.s Beschreibung der Gestapo-Haft — kein Buch, keine Zeitung, keine Uhr, kein Gespräch, keine Aufgabe außer dem Warten auf das nächste Verhör — ist die präziseste literarische Beschreibung des Nichts als Foltermittel. Was ihn rettet, ist das gestohlene Schachbuch, aber Rettung und Zerstörung sind in diesem Roman dieselbe Sache: Im Kopf gegen sich selbst Schach zu spielen — beide Seiten zu führen, gleichzeitig Angreifer und Verteidiger zu sein — ist das, was ihn durchhalten lässt und was ihn gleichzeitig in die Dissoziation treibt.
Der Kontrast zwischen Czentovic und Dr. B. ist nicht der zwischen Intelligenz und Dummheit, sondern zwischen zwei Formen von Besessenheit: die eine roh, instrumentell, erfolgreich; die andere kultiviert, zerstörerisch, tragisch. Zweig macht keinem der beiden ein Kompliment.
Die Schachnovelle ist in wenigen Stunden zu lesen, und diese Stunden sitzen nach. Zweig schrieb das Buch im Wissen um seinen eigenen bevorstehenden Tod — er hatte in derselben Woche den Abschiedsbrief verfasst. Was er beschreibt, ist nicht nur die Gestapo-Methode der Isolation, sondern eine allgemeinere Erfahrung: was geschieht, wenn ein Bewusstsein, auf sich selbst zurückgeworfen, keinen Ausweg mehr findet. Die Knappheit der Form und die Genauigkeit der psychologischen Beobachtung machen diesen Text zu einem der technisch vollständigsten der deutschsprachigen Novelle.
Zweig beendete die Schachnovelle eine Woche bevor er gemeinsam mit seiner Frau den Abschiedsbrief schrieb. Was er darin beschreibt — die Zerstörung eines Bewusstseins durch erzwungene Isolation — hat eine persönliche Valenz, die der Text selbst nicht explizit macht. Wer das weiß, liest ihn anders; wer es nicht weiß, liest ihn trotzdem vollständig. Das ist das Zeichen eines Textes, der über sein biographisches Material hinausgewachsen ist.
Kafka bat seinen Freund Max Brod, alle seine Manuskripte zu verbrennen. Brod ignorierte den Wunsch.
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