Peer Gynt, 1867 erschienen und 1876 mit Musik von Edvard Grieg uraufgeführt, ist Ibsens eigenwilligstes und in seiner Struktur freiestes Werk. Peer Gynt, Sohn einer norwegischen Bauernfamilie, lügt, flieht, reist, handelt mit Sklaven und Bibeln, erlebt das Trollreich, findet in der arabischen Wüste eine Geliebte, verliert sein Vermögen und kehrt als Greis nach Norwegen zurück, wo Solveig auf ihn gewartet hat. Das Stück fragt, was er in diesem Leben eigentlich gewesen ist — und der Knopfgießer, dem er auf dem Heimweg begegnet, hat eine Antwort: nichts Bestimmtes.
Ibsen formuliert durch den Knopfgießer das schärfste Urteil des Stücks: Peer Gynt war weder gut genug für den Himmel noch schlecht genug für die Hölle — er war sich selbst genug, aber nicht wirklich er selbst. Dieser Gedanke — dass die vollständige Selbstbezogenheit zur Selbstauflösung führt — ist das philosophische Zentrum des Stücks. Die Trollformel, die Peer in der ersten Hälfte lernt, lautet: Sei dir selbst genug. Die menschliche Alternative, die ihm Solveig gegenüberstellt, lautet: Sei dir selbst.
Das Stück ist gleichzeitig Satire auf den norwegischen Nationalcharakter — auf Selbstüberschätzung, Flucht vor Verantwortung, Träumerei — und philosophisches Drama. Ibsen meinte, dass beides dasselbe ist.
Peer Gynt ist das Stück, das nicht in Ibsens Dramaturgie des Bürgerdramas passt — es sprengt Raum, Zeit und Realismus und sagt dabei mehr über die Conditio humana als die realistischeren Werke. Was es für heute bereithält, ist eine Frage, die mit jedem Jahrzehnt neu formuliert werden muss: Was bedeutet es, man selbst zu sein — und wann ist das Selbst leer? Peer Gynts Antwort, die er am Ende findet, kommt zu spät für ihn. Sie kommt nicht zu spät für den Lesenden.
Die Musik, die Edvard Grieg 1876 zur Bühnenversion des Stücks komponierte, hat sich so tief mit der Wahrnehmung des Textes verbunden, dass viele Leser die Melodie im Ohr haben, bevor sie die erste Seite aufschlagen. Ibsens Peer Gynt ist rauer, witziger und in seinen satirischen Passagen aggressiver als die Musik nahelegt. Die Lektüre ohne diese akustische Vorannahme ist eine Begegnung mit einem anderen, produktiveren Ibsen.
Wer Peer Gynt liest und am Ende nicht weiß, ob er traurig oder erleichtert ist, hat das Stück richtig gelesen. Ibsen hat keine Antwort auf die Frage gegeben, was mit einem Leben passiert, das vollständig aus Selbstbezogenheit besteht — er hat sie nur so präzise gestellt, dass jeder Leser seine eigene Antwort finden muss.
Kafka bat seinen Freund Max Brod, alle seine Manuskripte zu verbrennen. Brod ignorierte den Wunsch.
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