Narziss und Goldmund
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Hermann Hesse
1930

Narziss und Goldmund

von Hermann Hesse
AutorHermann Hesse
Erschienen1930
Seiten~312
SpracheDeutsch
LizenzGemeinfrei
Geschätzte Lesezeit
~8 Stunden · 312 Seiten · 446 Wörter Editorialtext
8h
Lesezeit

Über das Buch

Narziss und Goldmund, 1930 erschienen, ist der bekannteste Roman aus Hesses mittlerer Schaffensperiode und der zugänglichste seiner großen Prosatexte. Im mittelalterlichen Deutschland lebt der Klosterschüler Goldmund, ein sinnlich begabter junger Mann mit unsteter Seele, bis er den asketischen Narziss trifft — einen Novizen, der früh zum Lehrer wird und Goldmund zwingt, sein eigenes Wesen zu erkennen: das eines Wanderers, eines Liebenden, eines Künstlers. Goldmund verlässt das Kloster, streift durch eine Welt aus Pest, Krieg, Begehren und Schönheit, kehrt zurück und kehrt wieder fort. Narziss wartet, verwaltet, betet, denkt.

Themen und Bedeutung

Hesse stellt nicht zwei Lebensmodelle gegeneinander, um eines zu bevorzugen. Narziss — der Geist, der in Abstraktion lebt und die eigene Körperlichkeit beherrscht — und Goldmund — der Körper, der Schönheit schafft und in Vergänglichkeit lebt — sind komplementäre Formen der Existenz, die einander brauchen und einander nicht vollständig verstehen können. Ihre Freundschaft ist kein Gleichgewicht, sondern eine dauernde produktive Spannung. Goldmund schnitzt schließlich eine Pieta, in deren Zügen er das Gesicht seiner Mutter erkennt — die Urmutter, das Prinzip des Lebens, das er sein Leben lang gesucht und nie besessen hat.

Der Roman ist formal ein mittelalterlicher Schelmenroman, inhaltlich jedoch eine Phänomenologie der Kreativität: Was treibt Menschen zur Kunst, und was kostet sie es? Goldmund zahlt mit Sesshaftigkeit, Sicherheit, intellektuellem Leben. Was er bekommt, ist schwer zu benennen — keine Erlösung, keine Weisheit, aber eine Form der Vollständigkeit im Vollzug.

Warum heute lesen?

Narziss und Goldmund ist das Buch, zu dem Menschen greifen, wenn die Frage brennt, ob man sich für das Denken oder für das Leben entscheiden muss — und ob diese Entscheidung überhaupt erzwungen werden kann. Hesse lässt sie unaufgelöst. Goldmund stirbt lachend, mit einer Frage auf den Lippen, die auch Narziss nicht beantworten kann: Wie stirbt ein Mensch, der keine Mutter hat? Das ist keine sentimentale Schlusspointe, sondern der präziseste Moment des Romans: die Ratlosigkeit des Geistes vor dem Körper, der aufhört zu sein.

Hesse schrieb den Roman 1930 in einem vergleichsweise produktiven Jahrzehnt, das zwischen dem Steppenwolf (1927) und dem Glasperlenspiel (1943) liegt. Was Narziss und Goldmund von diesen beiden Werken unterscheidet, ist die formale Klarheit: Hesse hat hier eine Erzählstruktur gewählt, die keine Rätsel hinterlässt. Was Rätsel hinterlässt, ist Goldmunds letzter Satz — und das reicht, um den Roman nach der Lektüre nicht loszulassen.

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