Les Misérables, 1862 von Victor Hugo erschienen und auf Deutsch als Die Elenden oder Die Miserablen bekannt, ist einer der umfangreichsten Romane der Weltliteratur — und einer der politisch direktesten. Jean Valjean, wegen Brotdiebstahls zu neunzehn Jahren Galeere verurteilt, wird durch die Güte eines Bischofs in die Möglichkeit eines neuen Lebens entlassen. Er baut sich eine Existenz auf, wird von Inspektor Javert verfolgt, nimmt das Waisenmädchen Cosette auf und lebt zwischen dem Anspruch der Vergangenheit und der Möglichkeit eines neuen Lebens.
Hugos strukturelles Argument ist, dass Gesellschaften die Menschen erzeugen, die sie verurteilen. Valjean wurde nicht kriminell geboren — er wurde durch eine Strafe kriminell gemacht, die in keinem Verhältnis zum Vergehen stand. Javert, der ihn verfolgt, ist das Prinzip der Legalität ohne Gnade: ein Mann, der überzeugt ist, dass das Gesetz und die Moral identisch sind, und der zerbricht, als er einen Augenblick erlebt, in dem sie es nicht sind.
Der Roman enthält lange Exkurse — über die Pariser Kanalisation, über die Barrikaden von 1832, über das Klosterleben — die ihn in Schulausgaben regelmäßig gekürzt werden. Diese Passagen sind kein Ausufern, sondern Teil von Hugos Methode: die gesellschaftliche Infrastruktur als Zeuge seiner politischen These zu benennen. Das Abwassersystem von Paris ist für Hugo kein Thema der Hygiene, sondern der sozialen Stratifizierung.
Les Misérables ist eines der wenigen Bücher, die durch ihre dramaturgischen Nachkommen — Musical, Film — stärker vereinfacht wurden als durch andere Adaptionen. Das Original ist wütender, analytischer, umständlicher und politisch konkreter als jede Bühnenversion. Wer Hugo liest, nicht als Unterhaltungsroman, sondern als politisches Zeugnis eines Mannes, der im zweiten französischen Kaiserreich im Exil lebte, liest ein anderes Buch — und ein wichtigeres.
Hugo schrieb den Roman über mehr als zwei Jahrzehnte — er begann 1845 und unterbrach die Arbeit durch sein Exil nach dem Staatsstreich Napoleons III. 1851. Was als Folge entstand, ist ein Roman, in dem die Zeitschichten sichtbar sind: Die Passagen über den Pariser Untergrund und die Barrikaden von 1832 haben eine Dringlichkeit, die die ruhigeren Familienszenen nicht haben. Diese Ungleichmäßigkeit ist kein Mangel — sie ist das Dokument eines Lebens, das in dem Buch weitergeht, während das Buch entsteht.
Goethe arbeitete über 60 Jahre an Faust — von seinen frühen Zwanzigern bis kurz vor seinem Tod.
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