Im Westen nichts Neues, 1929 erschienen, wurde in drei Monaten über eine Million Mal verkauft und ist bis heute einer der meistgelesenen deutschsprachigen Romane weltweit. Erich Maria Remarque erzählt aus der Perspektive des neunzehnjährigen Paul Bäumer, der sich 1914 von seinem Lehrer zur Freiwilligenmeldung überreden lässt. Was folgt, ist nicht Heldentum und nationaler Rausch, sondern Schützengräben, Läuse, Giftgas, Verstümmelte und die allmähliche Auflösung jeder Illusion darüber, wofür man kämpft. Remarque veröffentlichte den Roman explizit als Bericht, nicht als Anklage — die Anklage ergibt sich aus dem Bericht.
Das Buch irritiert dadurch, dass es keinen Feind benennt. Die deutschen Soldaten sterben nicht für etwas und nicht durch etwas Personifiziertes — sie sterben im System Krieg, das niemand beendet und das sich selbst erhält. Remarque zeigt keine Schlachten als militärische Ereignisse, sondern als ökologische Zustände: die Verwandlung von Menschen in Funktionen eines Vernichtungsapparats, der immer neue Körper fordert. Paul Bäumers fortschreitendes Unverständnis für das Leben hinter der Front — der Heimaturlaub ist ein Kapitel, in dem er merkt, dass er mit diesen Menschen keine gemeinsame Sprache mehr hat — ist eine Beschreibung von Traumatisierung, die ihren klinischen Namen noch nicht hatte.
Remarque nimmt sich keine dramaturgischen Zuspitzungen heraus: Paul stirbt beiläufig, an einem Tag, der sonst so ruhig war, dass der Heeresbericht vermerkte, Im Westen nichts Neues. Der Satz, der dem Roman seinen Titel gibt, ist die zynischste Schlusszeile der deutschen Prosa des 20. Jahrhunderts.
Das Buch wurde 1933 von den Nationalsozialisten verbrannt und verboten — eine präzise Aussage darüber, welche Funktion Kriegsliteratur hat, die zeigt, was Krieg wirklich ist. Was Remarques Roman leistet, ist die Demontage des heroischen Narrativs von innen — nicht durch politisches Argument, sondern durch genaue Beschreibung. In einer Zeit, in der Krieg wieder als Option diskutiert wird, ist das keine historische Lektüre, sondern eine aktuelle.
Remarque emigrierte 1932 aus Deutschland — kurz nach der Verbrennung seines Romans, der als pazifistisch und damit als volksverräterisch galt. Die Verbrennung ist ein historisches Dokument über die politische Funktion von Literatur: Das Buch wurde nicht wegen seiner literarischen Form verboten, sondern wegen seiner Wirkung. Remarque hatte gezeigt, was der Krieg wirklich war — und das war das, was die Regierung 1933 am wenigsten vertragen konnte.
Leo Tolstoi war so unzufrieden mit Anna Karenina, dass er erwog, das Manuskript zu verbrennen.
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