Große Erwartungen, 1860/61 von Charles Dickens erschienen, ist einer seiner formal vollständigsten Romane. Pip, Waisenkind und Schmiedsgeselle in der englischen Provinz, erhält anonym ein Vermögen und zieht nach London, um ein Gentleman zu werden. Er glaubt, die exzentrische und bittere Miss Havisham sei seine Wohltäterin — eine Frau, die seit dem Tag, an dem ihr Bräutigam nicht erschien, die Uhr stehen lassen hat und ihre Pflegetochter Estella dazu erzog, Männer zu verletzen. Pips Benefaktor ist in Wirklichkeit Magwitch, ein Sträfling, dem er als Kind geholfen hatte.
Dickens macht die Herkunft des Reichtums zum moralischen Kern. Pip schämt sich des Schmiedes Joe, der ihn aufgezogen hat, weil Joe nicht zur neuen Welt des Gentlemans passt. Als er entdeckt, wem er sein Vermögen verdankt, ist die Beschämung des Aufsteigers vollständig ausgewickelt: Er verdankt seine Gentlemanwürde einem Verbrecher, der ihm treu ergeben ist und für ihn seine Freiheit riskiert hat. Was eine Klasse für Würde hält, ist dabei von einer anderen Klasse erarbeitet worden.
Estella, für Pip unerreichbar und kalt, ist das interessanteste psychologische Konstrukt des Romans: eine Frau, die durch Erziehung unfähig zu Liebe gemacht wurde und das selbst weiß. Dickens gibt ihr am Ende — in der revidierten zweiten Fassung — keine vollständige Erlösung, sondern eine Öffnung.
Dickens' Analyse des sozialen Aufstiegs ist so scharf, dass sie die Sentimentalität seines Erzählstils überlebt. Was Pip durchmacht, ist die präziseste Beschreibung des Aufsteigers in der englischen Literatur: der Mann, der die Klasse wechselt, dabei die alte nicht aufgibt und in der neuen nie ankommt. Diese Figur ist zeitloser als der viktorianische Kontext, in dem Dickens sie entwickelt, und daran liegt die Dauerhaftigkeit des Romans.
Das Buch hat zwei Schlüsse: einen, den Dickens ursprünglich schrieb — Pip begegnet Estella nach Jahren und sie sind einander fremd —, und einen, den sein Freund Bulwer-Lytton ihm anriet, der positiver war. Beide Schlüsse sind erhalten, und wer beide liest, erhält einen seltenen Einblick in Dickens' Kompositionsprozess. Welche Version trauer ist, welche hoffnungsvoller, ist weniger eindeutig, als man meinen würde — und diese Ambiguität ist selbst eine Aussage über das, was der Roman beschreibt.
Shakespeare soll 37 Stücke und 154 Sonette hinterlassen haben, obwohl es keine handschriftlichen Originalmanuskripte gibt.
Dieses Werk ist gemeinfrei — das Urheberrecht ist abgelaufen. Alle Bücher auf BuchLounge stammen aus dem Projekt Gutenberg. Das Herunterladen ist 100% legal und kostenlos.