Die Leiden des jungen Werthers, 1774 erschienen, machte den vierundzwanzigjährigen Goethe über Nacht berühmt — eine Berühmtheit, der er selbst zeitlebens mit Unbehagen begegnete. Der Roman in Briefform erzählt Werthers Liebe zu Lotte, die mit Albert verlobt und später verheiratet ist, seine Unfähigkeit, sich von ihr zu lösen, seine soziale und berufliche Desillusionierung und seinen schließlichen Selbstmord. Goethe verarbeitete darin eigene Erfahrungen — die unerfüllte Liebe zu Charlotte Buff in Wetzlar — und das Schicksal seines Freundes Karl Wilhelm Jerusalem, der sich in ähnlichen Umständen tatsächlich das Leben genommen hatte.
Werther ist kein Liebesroman in dem Sinne, dass er von Liebe handelt. Er handelt von einem Bewusstsein, das sich selbst nicht ertragen kann. Werthers Empfindungsfähigkeit — seine Fähigkeit, Natur, Kunst und zwischenmenschliche Beziehungen mit einer Intensität zu erleben, die andere nicht kennen — ist dieselbe Eigenschaft, die ihn außerstand setzt, in der Wirklichkeit zu bestehen, die gleichgültig gegen solche Intensität ist. Lottes Unerreichbarkeit ist dabei weniger Ursache als Anlass: Das eigentliche Problem ist die Welt, die den empfindenden Menschen nirgends unterbringt, der nicht bereit ist, seine Empfindung zu dämpfen.
Goethe baut in die Briefstruktur eine zunehmende Unzuverlässigkeit ein: Werthers Selbstdeutungen werden immer schwächlicher begründet, seine Projektion auf Lotte immer deutlicher. Der Herausgeber, der im letzten Teil das Wort übernimmt, tritt nicht als Richter auf, sondern als Chronist — ohne Kommentar, was die Lesenden zwingt, selbst zu entscheiden, was sie sehen.
Das Buch hat den schlechten Ruf einer Schullektüre und den guten Ruf, Generationen von Lesenden aus dieser Lektüre heraus zu verfolgen. Was es für eine erwachsene Lektüre bereithält, ist eine Anthropologie des Scheiterns: die Sezierung eines Charakters, der seine Stärke und seine Zerstörungskraft aus derselben Quelle bezieht. Goethe selbst sagte, er habe das Buch schreiben müssen, um nicht selbst zu tun, was Werther tat. Dieses Verhältnis zwischen Literatur und gelebtem Leben — Schreiben als Rettung — macht den Text auch als Aussage über Ästhetik lesbar: Kunst entsteht aus dem, was gelebt nicht überstanden werden kann.
Goethe selbst distanzierte sich später von dem Werk und dem Enthusiasmus, den es ausgelöst hatte. Diese Distanzierung ist selbst ein Kommentar: Der Mann, der das Buch schrieb, war nicht der Mann, der es später las. Das Buch hat seine eigene Geschichte, die von seinem Autor unabhängig wurde — das ist die Definition einer dauerhaften Wirkung. Wer heute Werther liest und dann Goethes spätere Äußerungen dazu kennt, liest zwei verschiedene Texte über denselben Stoff.
Shakespeare soll 37 Stücke und 154 Sonette hinterlassen haben, obwohl es keine handschriftlichen Originalmanuskripte gibt.
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