Der Untertan
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Heinrich Mann
1918

Der Untertan

von Heinrich Mann
AutorHeinrich Mann
Erschienen1918
Seiten~412
SpracheDeutsch
LizenzGemeinfrei
Geschätzte Lesezeit
~10 Stunden · 412 Seiten · 458 Wörter Editorialtext
10h
Lesezeit

Über das Buch

Der Untertan, 1914 begonnen, aus Zensurgründen erst 1918 vollständig veröffentlicht, ist Heinrich Manns schärfste gesellschaftskritische Arbeit und eine Satire, die im Abstand von mehr als hundert Jahren nichts von ihrer analytischen Schärfe verloren hat. Diederich Heßling, Sohn eines Papierfabrikanten, wächst als ängstlicher, autoritätshöriger Knabe auf, lernt als Student im Korps, dass Macht durch Gewalt ausgeübt wird, und wird in der Wilhelminischen Gesellschaft ein Mann, der Schwächere demütigt, Stärkere verehrt und die nationale Ideologie mit der Inbrunst dessen annimmt, der nie etwas anderes hatte, an das er glauben konnte.

Themen und Bedeutung

Mann beschreibt keine Ausnahme — er beschreibt ein System. Heßling ist nicht besonders böse, nicht besonders dumm, nicht besonders feige. Er ist der Durchschnitt einer Gesellschaft, die Autoritätshörigkeit als Tugend codiert und Individualität als Gefahr. Was ihn zum Untertan macht, ist nicht äußerer Zwang, sondern innere Bedürftigkeit: Er braucht die Hierarchie, weil er ohne sie keine Identität hat. Die psychologische Analyse, die Mann hier leistet, war ihrer Zeit weit voraus — das Konzept des autoritären Charakters, das Adorno und Horkheimer in den 1940er Jahren entwickelten, findet in Heßling seine literarische Vorformulierung.

Der Ton ist Groteske, aber keine, die in die Karikatur gleitet. Heßlings Opportunismus, sein Verhältnis zu Kaiser und Vaterland, seine Verachtung für jeden, der schwächer ist als er — all das ist mit dem Ernst geschildert, den das Porträt eines echten Tyrannen erfordert. Mann lacht nicht, er seziert.

Warum heute lesen?

Der Untertan ist das deutsche Gegenstück zu Flauberts Sentimental Education oder Stendhals Le Rouge et le Noir — ein Roman über die psychologischen Voraussetzungen politischer Gefolgschaft. Heßlings Karriere im Wilhelminischen Deutschland ist zugleich eine anthropologische Konstante: das Porträt eines Menschen, der in der Unterwerfung unter Stärke und in der Demütigung von Schwäche seine einzige Identität findet. Diese Konstante erklärt nicht die Nachfolgegeschichten, die Mann kommen sah — aber sie benennt den menschlichen Rohstoff, aus dem sie gemacht werden.

Mann schrieb den Roman gleichzeitig mit seinem Bruder Thomas' frühen Arbeiten, in einer Periode, in der die beiden Brüder in einem literarischen und persönlichen Konflikt standen. Beide Texte sind Reaktionen auf dieselbe Gesellschaft, aber mit entgegengesetzter politischer Grundhaltung. Heinrich Manns Weg zum offenen politischen Roman, Thomas Manns Weg zur psychologischen Komplexität — beide beginnen im selben historischen Augenblick und zeigen, wie weit das Spektrum der Möglichkeiten war.

📚 Wussten Sie schon?

Leo Tolstoi war so unzufrieden mit Anna Karenina, dass er erwog, das Manuskript zu verbrennen.

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