Der Tod in Venedig, 1912 erschienen, ist Thomas Manns formvollendetstes Werk der frühen Periode und gleichzeitig sein ambivalentestes. Der alternde Schriftsteller Gustav von Aschenbach reist nach Venedig, begegnet dem polnischen Knaben Tadzio und verfällt ihm in einer Leidenschaft, die er nie ausdrückt, aber auch nicht ablegt. Venedig ist von Cholera befallen; die Behörden halten es geheim; Aschenbach erfährt es, sagt es Tadzios Familie nicht und bleibt. Er stirbt am Strand, Tadzio vor Augen.
Mann schreibt keine Geschichte der Pädophilie, sondern eine des Dionysos — des Triebhaften, das der Apollinische in Aschenbach verdrängt hat und das sich nun auf eine Weise entlädt, die er nicht kontrollieren kann. Die klassische Struktur, die Mann dem Text gibt — Platon-Zitate, antike Anspielungen, die Vergöttlichung von Schönheit — ist keine Rechtfertigung, sondern Teil der Diagnose: Aschenbach benutzt ästhetische Kategorien, um sich selbst über das zu täuschen, was er tatsächlich empfindet.
Die Seuche, die Venedig heimsucht, ist kein Zufall: Sie ist das Äußere, das Aschenbachs inneren Zerfall spiegelt. Mann baut keine moralische Allegorie, aber er baut eine Struktur, in der innere Auflösung und äußere Bedrohung synchron laufen.
Der Tod in Venedig ist einer der deutschen Texte des frühen 20. Jahrhunderts, der in keiner Lektüre veraltet. Nicht wegen seiner Thematik — die ist komplex und in ihrer Ambivalenz zu akzeptieren —, sondern wegen der formalen Konstruktion: Mann hat in wenigen Seiten eine Psychologie entwickelt, eine Bilderwelt aufgebaut und eine Eskalation in Gang gesetzt, die ohne jede überflüssige Geste auskommt. Das ist Handwerk auf einem Niveau, das Leser zeigt, was Prosa kann.
Mann schrieb die Novelle 1911 nach einem Venedigaufenthalt, bei dem er tatsächlich einem polnischen Jungen begegnet war. Die autobiographische Basis ist bekannt und vielfach kommentiert worden; wichtiger für den Text ist, dass Mann diese Erfahrung vollständig in ein literarisches System überführt hat, das keine direkte Übertragung mehr ist. Was in der Novelle steht, ist ein Kunstwerk — kein Bekenntnis. Die Unterscheidung ist nicht trivial: Sie erklärt, warum der Text nach mehr als hundert Jahren nicht veraltet, sondern formal präziser wirkt als bei seiner Entstehung.
Das Buch ist in seiner Kürze — kaum hundert Seiten — eines der formal dichtesten Werke Thomas Manns; jede Entscheidung, jede Anspielung auf die griechische Mythologie sitzt an ihrem Platz und keine ist überflüssig.
Jane Austen schrieb ihre Romane ohne eigenes Arbeitszimmer und versteckte Manuskripte schnell unter Löschpapier.
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