Der Menschenfeind
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Molière
1666

Der Menschenfeind

von Molière
AutorMolière
Erschienen1666
Seiten~104
SpracheDeutsch
GenreDrama
LizenzGemeinfrei
Geschätzte Lesezeit
~3 Stunden · 104 Seiten · 396 Wörter Editorialtext
3h
Lesezeit

Über das Buch

Der Menschenfeind, 1666 uraufgeführt, ist Molières intellektuell anspruchsvollstes Stück. Alceste hasst die gesellschaftliche Heuchelei — er fordert vollständige Aufrichtigkeit, verweigert Höflichkeit aus Prinzip und klagt gleichzeitig einen Prozess, den er durch etwas diplomatisches Fingerspitzengefühl leicht gewinnen könnte. Er liebt die Kokette Célimène, die alles verkörpert, was er verachtet: gesellschaftliche Gewandtheit, Mehrdeutigkeit, Spiel. Das Stück endet mit seiner Niederlage auf beiden Feldern.

Themen und Bedeutung

Molière stellt keine einfache Antithese auf: Alceste hat recht mit seiner Diagnose der gesellschaftlichen Heuchelei, und er hat Unrecht mit seiner Therapie. Absolute Aufrichtigkeit als gesellschaftliches Prinzip ist kein Tugendbeweis, sondern eine Form von Sturheit, die die anderen als Mittel für die eigene moralische Selbstdarstellung behandelt. Philinte, Alcestes Freund, ist kein Opportunist, sondern ein Realist — er weigert sich, Menschen zu verurteilen, die das tun, was alle tun.

Alcestes Liebe zu Célimène ist das konstruktivste Paradox des Stücks: Der Mann, der Aufrichtigkeit fordert, liebt eine Frau, die nichts weniger ist als aufrichtig. Molière gibt keine psychologische Erklärung — er zeigt nur, dass das Selbstbild und das Begehren keine Einheit bilden müssen.

Warum heute lesen?

Der Menschenfeind ist das Stück über radikale Authentizität als Ideologie — über die Verwechslung von moralischer Integrität und sozialer Unverträglichkeit. Alceste scheitert nicht, weil die Gesellschaft böse ist, sondern weil er ihren Mitgliedern keine Menschlichkeit zugesteht: die Fähigkeit, unvollkommen zu sein, ohne verurteilt zu werden. Das macht das Stück zeitlos und unangenehm zugleich — es gibt keinen, dem man vollständig recht geben kann.

Molière schrieb das Stück 1666 auf dem Höhepunkt seiner Karriere am Hof Ludwigs XIV. — in einer Position, die ihn zwang, genau jene gesellschaftlichen Konventionen zu navigieren, gegen die Alceste sich sperrt. Diese biographische Spannung ist im Text spürbar, auch wenn Molière keine Selbstentlarvung beabsichtigt hat. Das Stück ist unter Molières Werken das mit dem geringsten Klamauk und dem stärksten analytischen Kern; wer nur den Einbildungskranken oder den Geizigen kennt, findet hier eine andere, ernüchterndere Facette seines Theaters.

Alcestes Abgang am Ende ist kein Triumph und keine Niederlage — er ist das folgerichtige Ende einer Haltung, die keine soziale Kompromissfähigkeit entwickeln konnte. Molière lässt ihn gehen, ohne ihn zu begnadigen oder zu verurteilen; das Stück endet mit Philintes ruhigem Versuch, ihm nachzufolgen.

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