Buddenbrooks, 1901 erschienen als Thomas Mann 26 Jahre alt war, verfolgt den Niedergang der gleichnamigen Lübecker Kaufmannsfamilie über vier Generationen — von Johann Buddenbrook, dem zuversichtlichen Patriarchen der Gründerzeit, bis zu seinem Urenkel Hanno, einem siechen Knaben, der keine Zukunft hat und das auch weiß. Mann schrieb den Roman während seines Aufenthalts in Italien, wo er das Material seiner eigenen Familiengeschichte mit der Distanz des Auswärtigen betrachtete. Das Ergebnis ist kein Familienroman im üblichen Sinne: Der eigentliche Protagonist ist das Bürgertum selbst — genauer: die wachsende Unfähigkeit einer sozialen Klasse, ihre eigenen Werte zu leben.
Der Verfall der Buddenbrooks verläuft nicht als Katastrophe, sondern als Verfeinerung. Mit jeder Generation wird die Familie sensibler, musikalisch begabter, reflexiver — und gleichzeitig erwerbsuntüchtiger. Thomas Mann hat diesen Prozess dem Schopenhauerschen Gedanken entlehnt, dass das Bewusstsein sich gegen das Leben richtet: Wer zu klar sieht, kann nicht mehr tatkräftig handeln. Tony Buddenbrook, die Tochter des zweiten Patriarchen, scheitert zweimal an der Ehe, und beide Male aus denselben Gründen — an einem Realitätssinn, der ihre gesellschaftlichen Pflichten durchschaut, ohne ihr eine Alternative zu bieten. Senator Thomas Buddenbrook ist der faszinierendste Fall: ein Mann, der die Erschöpfung seiner Substanz erkennt und dennoch die Fassade mit einer Energie aufrechthält, die er nicht mehr besitzt.
Stil und Struktur verarbeiten den europäischen Naturalismus — der genaue Blick auf Besitzverhältnisse, Heiratsverhandlungen, Kontoauszüge — und brechen ihn durch Manns charakteristische Ironie, die den Figuren nicht spart, was sie sich selbst ersparen. Die Leitmotivtechnik, die Mann von Wagner übernimmt, funktioniert im Roman als semantisches Netz: wiederkehrende Gesten und Formulierungen markieren Abstieg und Wiederkehr.
Buddenbrooks ist kein historischer Roman, der in der Vergangenheit abgeschlossen ist. Die Frage, die Mann stellt — ob Bewusstsein und Handlungsfähigkeit sich ausschließen, ob Differenziertheit eine Form von Schwäche ist oder ob die Alternative bloß rohere Gleichgültigkeit bedeutet —, ist in jeder Generation neu zu verhandeln. Mann wurde für diesen Roman 1929 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Wer ihn heute liest, wird nicht das sentimentale Bild einer verlorenen Epoche finden, sondern eine analytische Sezierung dessen, was es bedeutet, wenn eine gesellschaftliche Form ihren eigenen Kern aufgezehrt hat, ohne nach außen hin zu kollabieren.
Thomas Mann schrieb Buddenbrooks mit nur 26 Jahren — für den Roman erhielt er später den Nobelpreis.
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